Cover Your Tracks



Unter der duftenden Erde im Topf
Die Kopf-Sinne eingetaucht in Dunkelheit
Mild vom weichen feuchten Erdenwind umstrichen
Dumpf und schwach umtönt - verharrend
Verkehrt in der Unbeweglichkeit der Pflanze. In dieser Kurzform würde ich meine Empfindungen
beschreiben, die ich hatte, als ich, einer von 35 Mitwirkenden der
Aktion „Cover Your Tracks“ von BBB Johannes Deimling, den Kopf unter
einem halben Eimer Blumenerde begraben, vor einem der Tontöpfe kniete
und versuchte die richtige Haltung
für Schultern, Rücken, Knie, Füße und Arme zu finden. Nachdem die
Balance zwischen dem ruhig gestellten Körper und dem Kopf im Topf
hergestellt war, versank ich in der kühlen Welt des Wurzelreichs,
während die Nachmittagssonne noch eine Weile meinen Rücken wärmte. Die
milden Erdgerüche hatten die Nase schnell ermüdet, und aus der
Dunkelheit kamen Musik und Gesprächsfetzen von Zuschauern. Einer stellte
fest, dass die Figuren sehr echt aussehen würden. Als ein anderer
vermutete, dass die Körper vielleicht doch Menschen seien, entbrannten
Meinungsverschiedenheiten, die dazu führten, dass man mir einen
leichten Rippenstoß versetzte. Tritte auf die Finger hatte ich
einkalkuliert, doch das kam überraschend, konnte mich aber nicht mehr
aus der Topfwelt herausreißen. Die Leute zogen bald ab, und die Musik
unter der Moltke-Brücke schob sich wieder an mein Wurzelohr. So begann
ich eine singende Zwiesprache mit mir und dem Leben unter der Erde zu
halten. Lebendig-Begraben-Fantasien zogen mich weiter in das
unterirdische Reich der Erde. Haare verästelten sich darin, und Zeit
sprang in eine andere Dimension. Wie lange würde eine Pflanze hier
unbehelligt stehen können? Würde sie aus menschlichem Aberwitz
ausgerissen, auf Grund von Bauplänen weggebaggert, aus Unachtsamkeit
zertreten oder würden sich die Wurzeln durch den Topf schlagen, die
Pflastersteine umklammern und darunter mehr Erde und genug Wasser
finden? Ich weiß nicht, wie
lange ich an diesen Vorstellungen hing, als ich meine Beine nicht mehr
spürte und meine Arme eingeschlafen waren. Ich hob den Hintern an,
bewegte die Schultern auf dem Topfrand und ließ frisches Blut in die
Extremitäten. Als ich den Kopf aus dem Topf zog, war Dunkelheit, und
ich ließ mich lahm auf das Pflaster rollen, wälzte mich herum und
streckte mich. Langsam kam ich wieder außerhalb der Pflanzenexistenz an
und zu mir. „Wie war das da drin?“ wollte auf einmal jemand
wissen. „Ganz anders als auf dem Bild auf der Postkarte!“ Das wusste ich
sofort. Die Einladungskarte war mir zunächst bloß sinnbildlich
erschienen. Ich hatte das Bild mit der barfüßigen Person, die ihren Kopf
in dem Blumentopf stecken hat, bloß mit Sinnsprüchen wie „Den Kopf in
den Sand stecken.“ besetzt. Dieser Kopfstoff war jetzt weg. Das Erlebnis
war eine Reise in die Zeit gewesen und hatte sich als Erfahrung mit der
Geschichte des Lebens verknüpft. Ich war aus der Zeit der „Langen Nacht
der Museen“ ausgestiegen und in eine ganz andere Zeit eingetreten, in
der Erdgeister das Sagen hatten. Inmitten des geschäftigen Treibens der
von den Museumsdirektoren animierten Stadt gaben Berliner Pflanzen den
Ton an, mit denen ich eine Weile Zwiesprache halten konnte. Was hatte sich ereignet?
Der ausgeschaltete Gesichtssinn und das Kopfüber veränderten die
Orientierung komplett. Nase und Ohren übernahmen die Leitung und führten
mich aus der visuellen in die viszerale Welt der Eingeweide des Körpers
und der Erde. Einen starken Wechsel der Rolle und Haltung hatte Deimling
seinen Akteuren zugemutet. Jeder von ihnen hatte unterschiedliche
Erfahrungen gemacht und es mehr oder weniger lange ausgehalten.
Letztlich entscheidend erwies es sich, dass durch die Blumenerde um den
im Tontopf steckenden Kopf der führende und die Menschen leitende
Gesichtssinn ausgeschaltet war, und damit die akustischen und
olfaktorischen Sinnesreize hervortreten konnten. Sie bilden andere
Anker, wie die Hypnoseforscher sagen, und andere Anker ermöglichen
ungewohnte Zugänge zum Unbewussten. Das Konzept der Aktion ist von hoher organisatorischer
Flexibilität. Sie ist effektiv in der Wirkung sowohl für Mitwirkende wie
für Zuschauer. Sie kann nahezu überall und mit beliebig vielen
Teilnehmern durchgeführt werden. Auch ist es nicht unerheblich, dass
diese Arbeit in Berlin entstanden ist, wo gebaggert, versiegelt und
betoniert wird, um in der Hauptstadt den Geschäften, den Waren, den
Dienstleistungen und letztlich den Menschen Beine zu machen. Deimling
kehrt die Verhältnisse um, und lässt die Akteure ihren Kopf der Erde
zuwenden. Sie stehen nicht mehr auf den Füßen sondern ruhen auf Knien
und Kopf. Deimling lässt die Teilnehmer der Aktion zur Ruhe kommen und
bei sich sein: eine notwendige Maßnahme gegen Beschleunigung und
Wahnsinn.
Gedanken zur performativen Installation Cover Your Tracks 8+9 von BBB Johannes Deimling im Rahmen des Kunstprojektes stadtraum()privatraum in Mannheim 11. und 12. Oktober 2002
„Die einzig wirksame Art und Weise, die Dunkelheit dessen zu
gewährleisten, was vor dem Licht der Öffentlichkeit verborgen bleiben
muss...ist eine Stätte, zu der niemand zutritt hat und wo man zugleich
geborgen und verborgen ist“ (Hannah Arendt)
Im Zentrum des Platzes stellen sich ca. 20-25 Personen zu einer
Performance auf. Langsam wächst das „bewegte Bild“ heran. Erst einer,
dann der nächste, dann der übernächste usw., bis es ein großes
„bewegtes, stilles Bild“ geworden ist. Alle Performer (Frauen und
Männer) sind schwarz gekleidet. Sie kommen mit einem großen Blumentopf
aus Terrakotta zur Mitte des Platzes. Sie gehen vor dem Blumentopf, den
sie vor sich hingestellt haben auf die Knie. Sie beugen sich soweit vor,
bis ihr Kopf und Teile des Halses in Topf verschwunden sind. Der Kopf
ruht auf einer Schicht Graberde, die zuvor bereits eingefüllt wurde. Nun
kommt von außen noch weitere Erde hinzu. Sowohl BBB Johannes Deimling,
wie auch andere Helfer, schütten Erde über den hinteren Teil des Kopfes
der Performer.
All das Geschieht in Ruhe und wird mit großer Behutsamkeit ausgeführt.
Schon nach kurzer Zeit bleiben die ersten Passanten stehen. Im weiteren
Verlauf der Performance werden es immer mehr werden.
Es dauert einige Zeit bis alle Performer in Position sind. Das Bild
wächst heran und entfaltet in seinem Wachsen eine ganz eigene Energie,
die von Ruhe und Konzentration geprägt ist. Ein Gegenbild zum Treiben
der Passanten, die ihren Geschäften nachgehen, einkaufen oder nach
getaner Arbeit auf dem Heimweg sind.
Um die Performer hat sich nun ein großer Kreis von „Zuschauern“
gebildet. Auch dieser wächst ständig. Einzelne bleiben nur kurz stehen,
schauen hin und gehen dann kopfschüttelnd weiter. Viele aber bleiben
länger. Da gibt es jene, die lange zuschauen und dabei in das Geschehen
eintauchen. Sie werden Teil des Ganzen, das sich hier vollzieht. Ihre
Art zu stehen und zu schauen drückt aus: Ich bin im Bild. Ich teile das,
was ich sehe.
Aber der größte Teil der „Zuschauer“ steigt in Gespräche ein. Sinnfragen
werden gestellt. Nach Erklärungshilfen wird gefragt. Unmut wird
geäußert. So geschieht es an verschiedenen Stellen, dass sich viel
Worte, Gespräche und laute Proteste der, nach wie vor stillen und
konzentrierten Aktion entgegenstellen. Es ist wie eine Art pulsierender
Ring, der sich um die agierenden Performer legt. Je länger die
Performance dauert, je stärker und lauter wird der Gesprächsanteil der
Passanten und Zuschauer.
Jene, die als Performer arbeiten, sind in einer Position, von der
gesamten körperlichen Haltung her betrachtet – die eine große
Verletzlichkeit auszeichnet: Der Performer kniet auf dem
Kopfsteinpflaster. Sein Kopf ist in einem Blumentopf verborgen. Allem
was um ihn herum geschieht ist er schutzlos ausgeliefert.
Er scheint in eine andere Welt hineinzulauschen. Er beugt sich nieder,
der Erde zu. Er steckt seinen Kopf in einen Behälter. Dieser wird so zu
einem Resonanzkörper – zu einem großen Ohr.
Ein Blumentopf ist ein Gefäß für Pflanzen. Im Topf unter der Erde
befinden sich die Wurzeln. Genau an der Stelle ist nun der Kopf des
Performers und bildet den „Wurzelstock“, der restliche Körper die
Pflanze.
Der Kopf ist verborgen. Kein Gesicht zu erkennen. Das Individuelle
scheint fast völlig getilgt zu sein. Nur die Körper der einzelnen
Performer differenzieren. Die durchgehend schwarze Kleidung vereinigt
sie an diesem Ort zu einer rätselhaften, mysteriösen Gruppe, die durch
ihr sonderbares Tun den Platz von seiner Alltäglichkeit befreien –
zumindest für die Dauer der Performance. Das Geschehen zwischen den
einzelnen Performern hat etwas von einem ruhigen Atmen. Es sendet aus
und empfängt.
Im Hinzutreten der Passanten und deren Teilnahme vollzieht sich die
Performance. Das heißt, dass alle Faktoren zusammen das ausmachen, was
wir letztendlich Performance nennen. Ort und Stunde, Agierende und
Reagierende bilden zusammen eine Art „Körper“ – eine Haut
verschiedenster Energien, die vereint.
Dieser Platz der Stadt hat für mich sehr viel mit
Ruhe zu tun. Hier öffnet sich ein weiter Raum, den nun die Performer mit
ihrem „Pflanzenkörper“, mit ihrem Rücken spüren und ertasten können
Eine Dreiviertelstunde ist vergangen. Die ersten Performer beenden ihr
Tun. Auch der Kreis der Zuschauer lichtet sich. Es ist ein „Zurück“, das
sich bei einigen eher schmerzlich vollzieht, bei anderen freudig. Ich
muß an Sloterdijks „Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen.“ denken. Er
sagt an dieser Stelle: „Nur etymologisch scheint Kunst von Können zu
kommen, in der Sache kommt Können selbst schon von Eröffnen. Darum ist
keiner Kunst der veristische Zug ganz fremd, denn was sich aussetzt,
auch Sanftes, Wehrloses, Inoffensives, eröffnet eine Welt und ist durch
das bloße Herauskommen schon eine Eröffnungsheftigkeit an sich. Aber die
Kunst, wie alle übrige Schöpfung beginnt mit dem Entschluss, sich zu
konfrontieren und sich dem Schicherheitsrisiko auszusetzen.“
Zurück bleibt der Platz einer Stadt. Zurück bleibt, was gerade dort
geschehen ist und was davor dort geschehen war, vor Tagen, Wochen,
Monaten und Jahren. Es wird für immer dort sein. Als Substanz. Als
vollzogene Skulptur. Die performative Installation Cover Your Tracks von BBB Johannes Deimling, die er von anderen ausführen lässt – dieser Umstand verdient eine eigene Betrachtung an anderer Stelle – versteht sich eben nicht als letzter Versuch, die Blicke endlich wieder auf die Kunst zu ziehen, sonder vielmehr, so scheint es mir, geht es BBB Johannes Deimling um eine „Zugabe“ – um eine Geste, hineingegeben in das Ganze. Eine Analyse der Performance Cover Your Tracks von BBB Johannes Deimling im Vergleich mit Vanessa Beecroft und Anderen steht noch aus.
von Wolfgang Sautermeister |
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